Säulenheilige ein Text von Christoph Pöggeler

Eine deutsche Großstadt am Rhein – Alltagsgetriebe, Verkehr, Bürohäuser, Kaufhäuser, Reklame, Straßenschluchten mit Autos und Menschen, die vorübereilen. Und mittendrin ein Mensch – oben auf einer Litfaß-Säule. Ein Geschäftsmann mit Anzug und Aktentasche. Er scheint in Bewegung, schreitet, wendet sich dabei um. Schaut er, ob der Bus oder ein Taxi kommt? Und dort auf einer anderen Reklame-Säule, statuarisch gerade, eine junge Frau in Bluejeans und Pullover. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Kopf in den Nacken gelegt, blickt sie versonnen in den Himmel. Oben auf dem Deckel einer Plakatsäule stehend auch ein junges Paar. Hand in Hand überblickt es etwas unsicher einen Platz. Der Büromann auf der Säule geht mit dynamischen Schritt. Fast hätte man ihn im Vorbeigehen gar nicht bemerkt, so vertraut wirkt die Szenerie. Aber irgendetwas mit dieser Litfaß-Säule dort in unserem Augenwinkel stimmt nicht. Irgendwie ungewohnt nach oben verlängert scheint sie zu sein. Unserem flüchtigen Blick und der gewohnten Seh-Routine entgehen solche Dinge selten. Man schaut genauer hin und erkennt eine menschliche Silhouette, bemerkt, dass da oben jemand steht. Ja, er scheint sich sogar zu bewegen, hält inne im Schritt, schaut sich um – ein normaler Mann mit Aktenkoffer und Schlips. Doch auch bei längerem Hinsehen bewegt er sich nicht. Pantomime? Nein, es scheint eine Figur zu sein. Ein Werbe-Gag? Kunst? „Ja, die Leute wollen immer eine Erklärung für alles“, sagt der spanische FilmRegisseur Luis Buñuel. Das sei das Resultat einer jahrhundertelangen bürgerlichen Erziehung. Muss man also alles immer erklären? Kann man Kunst überhaupt erklären? Die Kunst ist mittlerweile kommentarabhängiger denn je geworden. Ein Künstler muss seine Kunst nicht erklären. Vielleicht könnte er es auch gar nicht gut und umfassend. Aber er kann von sich erzählen, von seinen Gedanken und Gefühlen, seinen Inspirationen, von seiner Arbeit also und von seinem Leben, denn alles gehört zusammen.

Ein mulmiges Gefühl überkommt einen oben auf dem Beton-Deckel einer Litfaß-Säule. Litfaß-Säulen sind 4 Meter hoch, der Deckel hat einen Durchmesser von 1,30 m. Jeder, der im Schwimmbad schon einmal auf einem 3- oder 5-Meter-Brett gestanden hat, weiß, dass einen schon in dieser vermeintlich niedrigen Höhe ein flaues Gefühl beschleicht. Es kriecht vom Magen in die Brust hoch, um schließlich im Kopf anzukommen mit der Empfehlung: „Spring’ nicht, halt’ Dich am Geländer fest und komm’ wieder ’runter!“ Aber Litfaß-Säulen haben kein Geländer. Warum steigen Menschen überhaupt auf Säulen? Der Platz dort oben auf einer Litfaß-Säule ist klein, ungemütlich und unsicher – die Hände wünschen sich festen Halt. Nachdem die Füße sicheren Stand gefunden haben, kann sich dann aber ein sonderbar befreiendes Gefühl einstellen – ein Glücksgefühl gar. So, wie man als Kind auf einen Baum geklettert ist, und stolz und überlegen auf die nun klein gewordene Welt herabgesehen hat. Dieses Gefühl hatte seinen Platz neben der Angst vor der Höhe und dem Hinunterfallen. Beide Gefühle mischten sich seltsam. Zu der guten Aussicht und Übersicht über alles da unten kommt auf einer Litfaß-Säule auch das Gefühl, gesehen zu werden, ja, sich bewusst den Blicken anderer auszusetzen – das Bewusstsein aufzufallen. Ganz anders als verborgen zu sein in einer Baumkrone.

Manche Menschen werden die Säule passieren, ohne den lebenden Säulensteher zu bemerken. Die ungewohnte Verlängerung der Litfaß-Säule nach oben hin wird dann aber doch die meisten neugierig machen auch dadurch, dass sie den Blicken anderer folgen. Selbst aus der Entfernung fällt das ungewöhnliche Ensemble aus Säule und Mensch ins Auge. Und irgendwie bleibt scheinbar im Augenwinkel hängen, dass etwas in der Stadt-Möblierung verändert oder verrückt worden ist. Menschen stoppen, unterhalten sich, machen andere auf den modernen Säulenheiligen aufmerksam. Kombiniert man die normalsten Sachen der Welt, einen schreitenden Mann mit Aktentasche, sich umblickend, ein Paar, Hand in Hand, innehaltend – mit einem ngewöhnlichen Ort, so kann man im wahrsten Sinne des Wortes Aufsehen erregen. Man braucht sich nicht einmal nackt auszuziehen oder laut herumzuschreien. Oft genügt schon eine Standortveränderung, um aufzufallen. Wenn Menschen in Reih und Glied vor einer roten Ampel warten, aber einer von ihnen einen Meter vor den anderen auf der Straße steht, so werden alle auf ihn blicken, weil er sich ja in Gefahr begibt. Vielleicht werden einige ihn zurückhalten wollen – so, wie einen Selbstmörder, der sich von einem Haus zu stürzen droht. Der Ort beeinflusst also das Geschehen oder auch ein Kunstwerk, gibt ihm Koordinaten.

Lebende, normale Menschen standen bei der Aktion „Säulenheilige-live“ im Juni und November 2003 auf fünf Litfaß-Säulen in der Düsseldorfer Innenstadt. Moderne Säulenheilige redeten über Gott und die Welt. Menschen verschiedener Herkunft, verschiedenen Alters und Berufs standen eine zeitlang auf diesen Säulen, redeten, sangen oder drückten sich sonstwie aus. Vom Geschäftsmann bis zum türkischen Mädchen, vom afghanischen Asylanten bis zum Obdachlosen. Mut sich zu exponieren und etwas Persönliches zu erzählen, war gefordert, die Bereitschaft, sich einer fremden Situation auszusetzen, einer Situation, die bei den ersten Mönchs-Säulenheiligen im 5.Jahrhundert ähnlich fremd erschien – als Weltfremdheit und Weltflucht. Das Nachspielen dieser Situation für wenige Stunden in einer Konsumgesellschaft hat nichts mehr mit dem klassischen Eremitentum zu tun, der Vereinzelung, dem Weg in die Einsamkeit und Konzentration auf Gott – zumal zur Hauptgeschäftszeit und auf Litfaß-Säulen. Sie sind Instrumente der Konsumgesellschaft, die eigentlich nichts mehr tragen oder stützen, sondern nur noch beklebte Werbe-Flächen sind. Obwohl mitten im Alltagstreiben hatte diese Aktion nichts Marktschreierisches, machte aber deutlich, dass Vereinzelung auch in der Masse stattfindet. Viele Passanten gingen trotz Bemerken der Säulenheiligen ungerührt ihres Weges, während andere sich für die ungewöhnliche Situation interessierten, sich darauf einließen. Es gab Ablehnung und Unverständnis genauso wie Sympathie, Neugier und Interesse, ja sogar echte oder gespielte Sorge. Sich auszustellen bedeutet also immer beides: Kommunikation und Isolation. Als lebende Skulpturen machten die modernen Säulensteher die Plakatsäulen wieder zu richtigen Säulen. Für einen Augenblick gaben sie ihnen ihre architektonische Tragefunktion zurück, waren in der Hektik der Gegenwart ein Moment des Statischen, Immobilen, ein Symbol der Beständigkeit. Es ist also oft der Ort, der einem Geschehen oder auch einem Kunstwerk Zusammenhang und Sinn gibt. Zumindest scheint er an der Sinngebung beteiligt. Es reizt, diesen Ort zu erobern, ihn in Besitz zu nehmen oder besser, ihn zu bespielen und so neues Terrain für die Kunst zu erschließen – wie ein Kletterer oder Bergsteiger, der neue Herausforderungen sucht.

Lebende Menschen als moderne Säulenheilige auf Litfaß-Säulen zu stellen, war der erste Gedanke. Daraus ergab sich die Idee, ihnen als trompe l’oeuil lebensechte Menschen-Skulpturen nachfolgen zu lassen. Die künstlerisch-technische Ausführung der Skulpturen musste deshalb sehr realistisch sein. Trotz dieses Realismus von Säule und Skulptur entsteht in Kombination dieser beiden eine unrealistische, sogar surreale Situation. Die Standortveränderung in der Vertikalen besitzt oft einen ästhetischen und symbolischen Mehrwert. Man denke nur an die Bedeutung des Sockels im Denkmalskult oder an ein Siegerpodest bei den Olympischen Spielen. Natürlich ist es für einen Büroangestellten etwas anderes, samt seiner Aktentasche eine Litfaß-Säule zu besteigen oder auf einen Baum zu klettern, als mit dem Lift in sein Büro in die oberen Etagen eines Hochhauses zu fahren. Aber auch dabei verlässt er den horizontalen Bereich der Strasse mit ihrem öffentlichen Leben und verlegt seinen Standort in die Vertikale des Hochhauses. Auch von dort hat er einen weiten Blick, gefiltert durch Glasscheiben, und die gerade noch ebenbürtigen Menschen schrumpfen hier vollends zu Ameisen. Mit dem Standort, mit der Perspektive verändert sich also nicht nur das Objekt der Wahrnehmung – zum Beispiel die Kunst, sondern auch die Wahrnehmung selbst – nicht nur physiologisch sondern auch psychologisch. Nicht ohne Grund hockt der bettelnde Obdachlose auf dem Trottoir an der Hauswand und vermeidet so bewusst Augenhöhe. Nicht ohne Grund residieren die Chefs in den oberen Etagen, redet man von hohen Posten.

Die Begriffe des Horizontalen und Vertikalen gebraucht man wertend. Man spricht von Hochgefühl und Depression, Niedergeschlagenheit. Man feiert Hochzeit, man erlebt einen Tiefpunkt. Man hat eine hohe Meinung oder handelt aus niederen Motiven. Man lässt hochleben und buttert unter. Vom ehrgeizigen Berufsanfänger heißt es, er olle hoch hinaus. Emporkömmling nennen ihn dann die, die schon oben sind. Von anderen sagt man, sie seien tief gesunken. Gerade die tragische Fallhöhe ist entscheidend für die Erschütterung des Zuschauers. Man kann aber auch bodenständig sein statt abgehoben, ein hohes Niveau haben und trotzdem tiefgründig sein. All diese Worte beschreiben und werten zugleich. Oberhaupt und Untertan – das Horizontale einer Gesellschaft, die breite Masse der Bevölkerung unterliegt einer vertikalen Gliederung. Unsere Sprache drückt das aus. Sie wertet auf und ab. Aus dem Weltraum betrachtet ist die Welt eine schöne, blaue Murmel. Von Nahem besehen aber werden ihre Probleme offenbar. Auch die Kunst bedient sich der Mechanismen des Hebens und Senkens, des Hervorhebens und Fokussierens, des Einebnens und Nivellierens. Die Kunst stellt Skulpturen auf Sockel und betont damit deren Besonderheit, deren Wichtigkeit. Genauso, wie sie Bilder mit Goldrahmen behängt. Solcherart präsentierte Kunst wird dadurch aber nicht zwangsläufig besser. In gewisser Weise funktionieren sogar Galerien und Museen wie Sockel und Rahmen. Wie Schmuckvitrinen, ja wie Schmetterlingskästen konservieren sie ihre Kleinodien, denen sie zwar Wichtigkeit und Kostbarkeit geben, deren Leben sie ihnen aber oft genommen haben. Der Mensch an sich ist ja schon ein vertikales Wesen. Das heißt, er dehnt sich nach oben aus, wächst vom Kind zum Erwachsenen heran, um im Alter wieder etwas zu schrumpfen. Dieses Kind – neugierig oben am Rand des Litfaß-Säulendeckels stehend – gehört zum Ensemble der Säulenheiligen-Skulpturen. Ebenso ein auf dem Boden sitzender Obdachloser, neben sich einen Pappbecher für Münzen, wie man es aus den Fußgängerzonen unserer Städte kennt. Seine geduckte Haltung signalisiert den Vorübergehenden Demut und Unterordnung, erregt Mitleid, weil hier einer scheinbar ganz unten angekommen ist. Vielleicht hat er all sein Selbstbewusstsein und -vertrauen verloren. Doch wie der Geschäftsmann wird auch seine Skulptur in 4 m Höhe geliftet und samt Pappbecher über uns thronen – auf einem Platz von dem er durch keine kommunale Satzung vertrieben wird.

Perspektivenwechsel hat schon immer das Interesse der Künstler geweckt. Perspektivenwechsel ist nicht nur ein künstlerisches Prinzip – in Literatur, Film, Kunst und Schauspiel – sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen und ein zutiefst religiöses und christliches. Es bedeutet, sich in die Lage des Anderen hineinzuversetzen und fordert auf zu Rücksichtnahme, Toleranz und Respekt in einer disparaten, multikulturellen Gesellschaft. Wenn man in Gesichter schaut, unbekannte Gesichter – in der Straßenbahn oder an anderen öffentlichen Orten – möchte man vielleicht manchmal wissen: Welches Leben, welche Geschichte verbirgt sich hinter diesen Gesichtern? Was spiegelt uns der Blick davon wieder? Es ist die Neugier auf die Einmaligkeit jedes Einzelnen und zugleich auf die Vielfalt der Welt. Das Projekt „Säulenheilige“ hebt solche Menschen auf einen Sockel, stellt sie über die oft allzu glatte Werbewelt, zeigt ihre Normalität aber auch ihr Mysterium, das im Alltäglichen zu suchen ist. Die Plakatsäule wird zum Werbeträ- ger für den Menschen. Alltagsmenschen auf Werbesäulen – diese Trivialisierung des Säulenheiligen-Motivs bedeutet keine Entmystifizierung: Ein vom Bildhauer gefertigtes künstliches Menschen-Abbild kombiniert mit dem Bild, das uns die Werbung vom Zustand der Welt suggeriert. Das Verhältnis von Mensch und Kommerz, Verbrauchern und Konsum wird zum Thema. Es lädt ein zum Weiterdenken über unser Gesellschaftssystem und unsere globale Ordnung. Das sind nur einige Schlagworte aus der Predigt des Säulenheiligen.

Politik, Kunst, Religion – sie gehören zusammen. Sie mischen sich in unserem Leben, überdecken sich gegenseitig, genau wie die Plakate an der Anschlagsäule. Die Figur auf der Litfaß-Säule ist auch ein Spiel – es ist die Lust zu spielen und frei zu kombinieren, wie Kinder es tun: Eine Spielfigur auf einen Bauklotz gestellt – eine Freiheitsstatue aus dem Kinderzimmer. Es ist die andere Art zu sehen, die Kinder noch besitzen und die sich die Künstler bewahren. Die Sockel der Skulpturen sind keine Sockel aus den Sphären von Religion oder Kunst. Litfaß-Säulen sind Stadt-Möbel. Es sind perfekte Orte für Skulpturen. Beide – Säule und Skulptur – stehen im Leben und geben sich gegenseitig von ihrer Kraft. Litfaß-Säulen sind Kommunikationsmittel. Sie sind Informations- und Werbeträger. Werbung arbeitet meist mit einem Ambiente aus Idealbildern, die das gekaufte Produkt später dann gar nicht einlöst. Werbung weckt Wünsche, die später nicht wirklich befriedigt werden. Werbung will ins Auge fallen, sie buhlt um die Blicke der Passanten. Der Wunsch, zu jemandem aufzuschauen, wird von der Werbung mit ihren Ideal-Typen gezielt gefördert. Konstruktive Selbstreflektion gerät dabei aus den Augen. Diesen Reflex, sich ablenken zu lassen und zu jemandem aufzublicken, nutzt das Projekt „Säulenheilige“ in ganz wörtlichem Sinne. Über den Illusionen einer oft zwanghaft geglätteten Werbewelt kann der Passant jetzt sein eigenes Bild erblicken. Doch auch dieses Bild ist eine Illusion. Es ist eine bemalte Skulptur, die mit den Mitteln der Täuschung den echten Menschen wiederspiegeln will – eine Fata Morgana in der Großstadtwüste. Den Betrachter hintergehen mit einer Augentäuscherei? Die historischen Säulenheiligen im Syrien des fünften Jahrhunderts waren echte Menschen. Sie lebten wirklich oben auf ihren Säulen. Doch auch die damaligen Betrachter merkten in ihrem Staunen angesichts der Unnahbarkeit der heiligen Säulensteher und der Unmöglichkeit der Vereinnahmung, dass es um sie selbst ging. Dass sie in dem Moment, in dem sie zu einem ungepflegten, wettergegerbten und abgemagerten Asketen hinaufblickten, in ihr eigenes vergängliches Antlitz schauten. Eine detailgetreue Wiedergabe, das Vorgaukeln von Echtheit – ein trompe l’oeuil – ist die Voraussetzung für das künstlerische Konzept des Skulpturen-Projekts. Die Figuren sollen im ersten Moment des Gewahrwerdens echt erscheinen. Das Motiv für diesen Realismus ist nicht eine Bestätigung der Wirklichkeit, sondern das Schaffen einer ganz neuen kombinierten Plastik aus Plakatsäule und Skulptur. Eine Stilisierung der Skulpturen oder eine künstlerische Handschrift kam daher nicht in Frage. Wie dreidimensionale Fotografien sollen sie wirken – wie auf die Litfaß-Säule „hochgebeamt“.

In der Kunst, wie in der Werbung – und auch in der Religion – gibt es Techniken, etwas zu präsentieren, es zu vergegenwärtigen, um es wahrnehmbar zu machen – etwa durch Nachspielen und Nachahmen, durch Herausheben und Einrahmen oder durch Abgrenzen und Isolieren. Schon die Wörter Tempel und Paradies bedeuten ursprünglich das Abgegrenzte, Eingezäunte, dem Chaos Entrissene. Kant definiert Kunst als ein „Herausheben aus dem Lebensvollzug“- also aus dem alltäglichen Leben. Werbung, Kunst und Religion – alle drei – suchen aus verschiedenen Anliegen die Kommunikation mit dem Menschen – oft mit verwandten Mitteln. Paradoxerweise kommunizierten auch die „echten“, historischen Säulenheiligen, diese Einsiedler der Lüfte, aufs intensivste mit den Menschen. Sie, die sich auf ihren Säulen von der Welt abwandten und nur noch mit Gott Zwiesprache hielten, setzten mit der Zeit wahre Pilgerströme in Bewegung. Vorbei war es mit der Einsamkeit um ihre Säulen. Die ersten Säulenheiligen, auch Styliten genannt, traten im 5. Jahrhundert auf. Sie verbrachten der Überlieferung nach bis zu vierzig Jahre allein auf winzigen Plattformen, die auf hohen Säulen angebracht waren. Diese exhibitionistische Art der Askese entwickelte sich aus dem christlichen Eremitentum. Eremiten verließen die menschliche und auch die klösterliche Gemeinschaft aus dem Bedürfnis, sich als Einzelne in Meditation und Gebet allein Gott zuzuwenden. Dieses Phänomen kennt man aus vielen Kulturen. Indische Saddhus, muslimische Sufis und buddhistische Mönche widmeten ihr Leben der Askese und Meditation, der Konzentration auf eigene Seelen- und Körpererfahrungen. Die vielen unterschiedlichen Praktiken der Askese nahmen manchmal bizarre Formen an, und man kann heute oft schwer verstehen, dass all dies zum Lobe Gottes geschah.

Der heilige Symeon aus Syrien, der als der erste Säulenheilige weltberühmt wurde, hatte sich, bevor er auf seine erste Säule stieg, schon durch extreme Fastenübungen hervorgetan, hatte sich mit schmerzhaften Fesselungen Wunden zugefügt. Er brachte Jahre in selbstgegrabenen Erdlöchern oder ausgetrockneten Brunnenschächten zu, ließ sich einmauern und anketten in einem nach oben offenem Gemäuer auf der Spitze eines Berges, bis ihm die christliche Obrigkeit weise klarmachte, dass Tugend sich nicht mit Zwang vertrüge. Symeon hatte also alles durchprobiert in seiner Selbsterfahrungs-Karriere, ohne zu sich selbst gefunden zu haben. Die extreme Askese, ob in der Nachahmung des Leidensweges Christi oder auch in anderen Weltreligionen – ist nicht allein mit dem Ableisten von Buße zu erklären, die Menschen sich selbst auferlegen. Liegt in dieser äußersten Körperverneinung, in dieser Suche nach Grenzerfahrungen nicht außer dem Wunsch nach Selbsterkenntnis sogar der Wunsch nach Unsterblichkeit verborgen? Hat das Negieren des Leibes nicht sogar romantische Züge? Wenn man Romantik im Sinne Novalis’ begreift, „dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Antlitz“ zu geben. Und kann diese Askese in ihrem Exhibitionismus auch als Protest gegen die Welt gedeutet werden? Ende der 70er Jahre tauchten in der Öffentlichkeit die ersten Punks auf – Menschen, die mit grell gefärbten Haaren, Sicherheitsnadeln an den Augenbrauen und ähnlichen Selbstverletzungen ihre antibürgerliche Haltung ausdrückten. Das Punk-Lebensgefühl richtete sich gegen die festgefahrenen Strukturen und Lebensgewohnheiten einer Gesellschaft, die noch jede neue Jugend- und Protestkultur anschließend vereinnahmt und kommerzialisiert hatte. Sich nach außen sichtbar den eigenen Körper zu verletzen, Gewalt, die man nicht gegen andere richten darf, gegen sich selbst zu wenden – das war das Mittel der Punks, auf die Konsum-Gesellschaft zu reagieren.

Heute ist es chic und normal, sich zu piercen, Nasen und Ohrringe zu tragen. Manche Menschen müssen extreme Erfahrungen machen, um überhaupt etwas zu fühlen, um Intensität in ihr Leben zu bringen. Bei Symeon führte diese Suche nach Intensität dazu, dass er nach dem Verlassen der Klostergemeinschaft schon sämtliche Formen der Askese ausprobiert hatte. Als er im Jahre 422 auf seine erste Säule stieg, war er gut vorbereitet, hatte sich im Survivaltraining geübt. War gerüstet für neue Erfahrungen, für das Abheben von dieser Welt auf seiner Säule – seinem Balkon zur Ewigkeit, der Startrampe seiner Himmelfahrt. Vielleicht wünschte er, nicht nur die Passion Christi nachzuahmen, sondern Gott wirklich nahe zu sein, auch räumlich – als menschliche Antenne, um Gottes Botschaften aufzufangen. Symeon lebte bis zu seinem Tod 37 Jahre lang auf seiner Säule, die er nur verließ, wenn ihm von seinen Anhängern und Bewunderern eine größere gesponsert wurde. Die letzte Säule war angeblich 20 Meter hoch.

Das Paradoxe an diesem Aufsteiger der Aussteiger war, dass er, der die Welt hinter oder besser unter sich ließ, von der Welt wieder eingeholt wurde – sogar in der Einöde der syrischen Bergwelt. Schon fanden sich erste Bewunderer und Jünger ein. Bald war um sein Refugium herum einer der größten Wallfahrtsorte seiner Zeit entstanden. Man stelle sich vor, ein moderner Asket würde sich heute – sagen wir in einem Mittelgebirge oder auch in dem Vorort einer Großstadt auf eine Säule stellen. Er ließe sich dort mit dem Nötigsten versorgen und hätte nicht die Absicht, dort wieder herunterzukommen. Auch er würde schnell Aufsehen erregen. Fernseh-Teams würden über ihn berichten. Man würde sich vielleicht fragen, ob hier ein politisch motivierter Hungerstreik begonnen habe. Ob es sich vielleicht um einen von Abschiebung bedrohten Asylbewerber handelte, um eine Aktion von Greenpeace oder vielleicht einfach nur um Kunst? Vielleicht würde das Guiness-Buch der Rekorde sich dafür interessieren. In jedem Fall aber das zuständige Ordnungsamt, weil wahrscheinlich der öffentliche Versicherungsschutz oder Besitzverhältnisse beeinträchtigt wären. In dem Kinderbuch „Neue Punkte für das Sams“ von Paul Maar endet der Versuch eines Mannes, eine Litfaß-Säule zu besteigen, auf dem Polizei-Revier. „Was ist denn das für ein Spinner?“ – „Wir sollten die Polizei holen!“ – „Der ist betrunken, weißt Du.“ Das sind die Kommentare der Umstehenden in dieser Kindergeschichte. Die Menschen spüren, dass hier etwas nicht stimmt. Zwar sind sie an spektakuläre Bilder und verrückte Geschichten gewöhnt, aber dann nur aus dem Fernsehen oder dem Kino.

Auch Kunst im öffentlichen Raum oder Denkmäler sind nichts Besonderes für sie. Doch Figuren auf Denkmälern sind normalerweise tot. Dass sich hier einer schon zu Lebzeiten ein Denkmal schafft, als lebende Skulptur, das ist das Ungewöhnliche an dem Säulenheiligen Symeon. Noch dazu ist sein Sich-Ausstellen nicht aus Narzissmus oder für das Publikum, sondern aus der Liebe zu Gott entstanden. „Es gibt nichts auf der Welt, was unsichtbarer wäre wie Denkmäler“, sagt der Schriftsteller Robert Musil, Schöpfer des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“. Und leider ist das auch oft das Schicksal der zeitgenössischen Kunst-Produktion. Ein lebendes Denkmal aber kann man nur schwer ignorieren. Symeon, dem Säulenheiligen, ging es aber in seiner Selbstbeschränkung nicht allein um Selbsterfahrung in der Nachahmung Gottes. Es war keine anmaßende Weltflucht in einen persönlichen Elfenbeinturm zu Babel. Gerade durch seine Entdeckung des Himmels, wurde er auch zum Symbol für die Erde, zum Menschen an sich, der sich auf seinem Präsentierteller dem allmächtigen Himmelsgott darbietet. Auf halber Strecke zwischen Himmel und Erde war er Mittler zwischen Gott und den Menschen. In dem großen Kreis seiner Jünger und Pilger wurde er zur symbolischen Weltenachse. Er verortete, so würde man heute sagen, die Gemeinschaft. Mit gleichsam umgekehrter Zentrifugalkraft wurden die Menschen magnetisch von ihm angezogen. Ein Magnetismus des Bildes, weil das Bild, die Skulptur lebte. Sie predigte und segnete von der Säule herab. Von oben herab ermahnte Symeon die Pilger, sich vom Irdischen loszureißen und Auge und Herz zum Himmel zu wenden.

Schon die einfache Betrachtung des Himmelsgewölbes löst bereits ein religiöses Erlebnis aus“, schreibt Mircea Eliade in seinem Buch „Das Heilige und das Profane“. Die Transzendenz enthülle sich dem Menschen schon, sobald er sich der unermesslichen Höhe bewusst würde, so Eliade weiter. Mit dem Himmel entdeckt der Mensch die Unermesslich-eit Gottes. Und für die Menschen auf der Erde galt der Heilige auf der Säule bald als Unterpfand des göttlichen Segens. Sein Rat war berühmt beim einfachen Volk. Seiner Gunst wollten auch die Herrscher sicher sein, die ihm aufwarteten. Daniel, der Stylit, ein späterer Säulenheiliger, griff sogar aktiv in die Politik ein und verließ deswegen ausnahmsweise kurz seine Säule am Stadtrand von Konstantinopel. Auch Symeon beschäftigte sich in seinen Predigten durchaus mit Politik. Von seiner Säule herab forderte er strenge Strafen für diejenigen, die Geld besitzen, es aber nicht ausleihen. Die einsame Säule in der syrischen Einöde mit dem Heiligen als Sender wurde so zur antiken Kommunikations – Station.

Diese Funktion der Säule als Instrument der Religion, gewissermaßen als Sendemast, aber ebenso als Symbol, als Mittel künstlerischen Ausdrucks finden wir in vielen Kulturen: Vom säulenähnlichen Minarett ruft der islamische Muezzin die Gläubigen zum Gebet. Die römische Trajanssäule verherrlicht in einem sich fortsetzenden Bild-Streifen die Taten des Kaisers. Als Mittelpunkt der Lebensgemeinschaft und symbolische Weltachse finden wir die Holzsäule, den Pfahl, auf vielen Dorfplätzen Asiens und Afrikas. Die nordamerikanischen Indianer haben auf ihren Totempfählen ihre Sicht vom Aufbau der Welt in der Vertikale eines Baumstammes dargestellt. Afrikanische Bildhauer nehmen den Holzstamm, um aus ihm ihre Ahnen- und Kultfiguren herauszuschnitzen. Der menschliche Körper wird hier zur Säule, der Baumstamm zum Menschen. In der griechischen Antike werden kleine hohle Terrakotta-Säulen zu stilisierten Darstellungen unbekannter Gottheiten. Solche Röhren steckte man in den Boden, um damit die Verbindung mit der unterirdischen Gottheit herzustellen. Die mexikanische Malerin Frida Kahlo hat wohl eins der schönsten und ergreifendsten Säulen-Bilder gemalt. In ihrem Werk wird sie selbst zur Säulenheiligen. Eine zerbrochene Säule ersetzt in ihrem Innern die eigene Wirbelsäule, die ihren weinenden Kopf wie einen Styliten trägt. So wie die Kunst einerseits für die Öffentlichkeit gedacht ist und wahrgenommen werden will, so hat auch die besondere Art der Askese des Säulenstehens einen ostentativen Charakter, eine Show-Qualität. Andererseits wollen Künstler und Asket aber ihren ganz eigenen ungewöhnlichen Weg gehen. Den Weg, den sie gehen müssen, um ihre Idee zu verwirklichen. Die von Symeon gewählte Form der Askese war seine Art, sich auszudrücken, sein Auftritt – eine Performance als „living sculpture“. Und so sehr er dabei für Gott oder für sich selbst handelte, so sehr muss ihm doch bewusst gewesen sein, dass er sich ausgestellt hatte, dass er Reaktionen provozieren würde – so wie ein Selbstmörder vor dem Sprung.

Mit seinem Aufstieg auf die Säule wurde er zum Star. Er war berühmt in der ganzen antiken Welt. Das Beispiel seiner Existenz zog die Menschen in seinen Bann. Tagelang meditierte er christusgleich mit ausgestreckten Armen. Kritik kam aus der Kirche. Er wolle um jeden Preis Aufsehen erregen, war der Vorwurf. Er betreibe die Glorifizierung der eigenen Person. Aber die Menschen brauchten jemanden, zu dem sie aufblicken konnten. Jemand, der Höchstleistungen vollbrachte, aber nicht für irdischen Lohn. Menschen brauchen nicht nur Vorbilder, sondern auch Bilder. Visuell eindrucksvolle, starke Bilder. Ungewöhnliche Bilder. Manchmal sind Bilder zu stark, brennen sich in der Seele ein, werden zu Symbolen wie Jesus am Kreuz. Jesus wusste von der Kraft symbolschaffender, öffentlichkeitswirksamer Bilder. Seine Vita ist wie ein Drehbuch, eine Aneinanderreihung starker Szenen, Gesten und Bilder. „Gott liebt das Verblüffende der Erscheinung“ sagt Theodoret, als Bischof und Zeitgenosse ein Bewunderer und Verteidiger Symeons. Der ganze erstaunliche Kosmos sei ja auch Gottes eigene „Phantasia“. Schon fünfzehn Jahre nach Symeons Tod, so ein antiker Bericht, hingen Bilder von ihm in den Künstlerateliers von Rom. Wie eine Kerze mit brennendem Docht, wie ein Fanal zog Symeon die Menschen auf der Suche nach Erleuchtung an. Einer menschlichen Sonnenuhr gleich verbrachte er Jahr um Jahr dort oben auf seiner Säule. Symeon, der christliche Asket, der seine körperlichen und seelischen Grenzen schon in andere Richtungen ausgelotet hatte, wollte für sich etwas Eigenes finden und erfand dabei Altes neu. Heilige Säulenbesteiger hatte es im Fruchtbarkeitskult der syrischen Göttin Astarte nur hundert Jahre vor Symeon schon gegeben.

Vielleicht griff Symeon diese im Unterbewusstsein vorhandene Überlieferung auf, auch um sich abzusetzen von der bisher bekannten asketischen Lebensweise seiner eremitischen Zeitgenossen. Und sicher hat er das getan, wie heute auch die Künstler, mit dem Anspruch, etwas Neues zu schaffen. Mit der Sehnsucht nach Originalität, Authentizität und unüberbietbarer Radikalität. Symeon tat dies mit dem Anspruch, der damaligen Gesellschaft eine starke Position entgegensetzen zu müssen, um überhaupt aufzufallen. Die zeitgenössische Kunst in ihrem Unterlegenheitsgefühl und ihrer Hilflosigkeit gegenüber der allmächtigen Bilderflut unserer Zeit greift oft zu ähnlich drastischen Mitteln. Die Menschen durch Provokation wachrütteln ist grundsätzlich legitim. Mit extremen Handlungen, außergewöhnlichen Bildern auf sich aufmerksam zu machen, ist zu allen Zeiten praktiziert worden. Und so wollte vielleicht auch Symeon die Gläubigen seiner christlichen Religion wachrütteln, eine Glaubensgemeinschaft, die mittlerweile Staatsreligion geworden war und nicht mehr um ihre Existenz zu kämpfen brauchte. Er, der die Einsamkeit gewählt hatte, stand plötzlich in der Öffentlichkeit und zwar in ihrem wörtlichen Sinn von Offenheit. Offen und ungeschützt stand er einsam auf seiner Säule. Schon bald versammelten sich die Menschen um ihn, und er wurde so ungewollt zur öffentlichen Person. Eine öffentliche Person, die in der gesamten Christenheit bekannt wurde. Fehlende Privatsphäre war, wie heute bei einem Pop-Star, zugleich Symeons Öffentlichwirksamkeit. Mit dem einsetzenden Pilgerbetrieb entstand eine regelrechte Andenken-Industrie. Jünger folgten seinem Beispiel als Säulensteher auch an anderen Orten.

Symeon trieb seine Nachahmung Christi, die Imitatio Dei, so weit, dass er wie Jesus am Kreuz mit ausgebreiteten Armen stundenlang auf seiner Säule posierte. Er wurde somit vollends zum Signum, zum Symbol. „Ein Symbol wendet sich an das ganze Wesen des Menschen und nicht nur an seinen Verstand“, stellt Mircea Eliade fest. Die Gleichsetzung mit dem Zeichen Christi hatte denn auch etwas Überhebliches. Er, der ja Gott besonders nahe sein wollte, hatte sich in seiner Identifikation mit dem Gottessohn bewusst auch über seine Mitmenschen erhoben. Der rege Pilgerbetrieb zu Füßen des Säulenheiligen ähnelte deshalb, trotz seines christlichen Zusammenhangs, dem Tanz um das goldene Kalb. Die Verehrung der Menschen konzentrierte sich auf ein Bild. Nichts Ungewöhnliches – auch im Christentum, in dem sich Perioden der Bilderverehrung mit solchen der Ablehnung, des Bildersturms, abwechselten. Doch das Bild des Säulenheiligen war ein lebender Mensch, ein Sterblicher. Wurde nicht hier ein Mensch gottgleich verehrt? Mit Ruhm und Anbetung wird nicht jeder fertig. Oft verändern sie Wesen und Charakter der Menschen. Ruhm steigt zu Kopf. Auch hier wieder das Bild der Vertikale in der Sprache. Die Höhe des Ruhms birgt Gefahren in sich – denn der Aufstieg auf die Säule beinhaltet auch immer den Sturz, die Möglichkeit des Scheiterns, des Versagens: als Asket, als Künstler, als Mensch.

Je höher sich der Mensch emporschwingt, desto größer ist seine Fallhöhe. Hochmut, so sagt das Sprichwort, kommt vor dem Fall. Der Mut zur Höhe ist aber andererseits unabdingbar für herausragende Leistungen. Geht man kein Risiko ein, wird man auch keine neuen Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen machen. Die Gefahr der Lächerlichkeit oder gar die des Todes lauert immer da, wo der Einzelne die Gemeinschaft, den Schutz der Masse verlässt. Ikarus, der der Sonne zu nahe kam und abstürzte, ist das Bild für den, der zu hoch hinauswollte, der nach den Sternen greifen wollte. Der sich heraushebende Mensch kann durch seine Absonderung auch schnell zum asozialen Wesen werden. Herausgehoben wird er leicht zur Zielscheibe und ständig droht ihm der Absturz. Erwartungen werden auf ihn projeziert, die er vielleicht nicht mehr einlösen kann. Er lebt bald selbst in diesen Projektionen, anstatt sich auf sich selbst zu beziehen. Symeon widersteht diesen Gefahren. Er verweigert nicht die Kommunikation, sondern sucht sie mit Gott im Gebet. Und von der Säule herab nimmt er Anteil am Schicksal der Menschen, predigt und hört sich deren Alltagssorgen an. Er hat nicht nur sein eigenes Seelenheil im Sinn, sondern ist gleichzeitig Seelsorger für die Menschen da unten. Er fühlt Verantwortung. Sein Durchhaltewille geht nicht auf Kosten der Gemeinschaft, ist kein bedingungsloses Ausleben eines Egoismus. Er, der sich ganz zurücknehmen wollte, der armselig, ohne Besitz, klein und schutzlos vor Gott getreten ist, thront zwar über den Menschen, kann sich aber nicht wie sie in den sicheren Schutz einer Behausung zurückziehen. Seine selbst gewählte Ausweglosigkeit hat etwas Tragisch-Heroisches. Wie eine Kerze, die nicht herunterbrennt, steht die Säule mit Symeon auf der Spitze in der syrischen Landschaft. Erst nach fast vierzig Jahren dort oben erlischt das Leben dieses außergewöhnlichen Mannes. Aus vielen Quellen, aus Gegensätzen und Widersprüchen speist sich das Phänomen der Säulenheiligen. In den Köpfen und Herzen der Menschen entsteht daraus Neues. Es erwachsen neue Energien, Inspirationen und Assoziationen. Interessant an den Styliten für uns heute ist ihr Umgang mit dem Körper. Ihre durch asketische Beschränkung über die Jahre immer mehr zurückgenommene Körperlichkeit hat schon fast Züge einer gewollten Zurückentwicklung. Das stylitische Unsterblich-eitsprojekt, das asketische Herumexperimentieren am eigenen Körper, erinnert – allerdings in entgegengesetzter Richtung – auch an unser heutiges Bedürfnis nach gentechnischer Manipulierbarkeit. Und die angestrebte Perfektion der körperlichen Anpassung an eine extrem-asketische Lebensweise lässt umgekehrt an die Perfektionierungswünsche der Kunden heutiger Schönheitschirurgie denken, die den menschlichen Körper nur mehr als unvollendetes Kunstwerk begreifen wollen. Das Leben des Säulenheiligen auf der Erde ähnelt der Metamorphose eines Schmetterlings. Als irdischer Wurm, als Raupe, mühsam am Pflanzenstengel emporgeklettert, stirbt als Puppe sein körperliches Leben fast ab, um letztendlich, nach seiner Verwandlung im Innern, im Endstadium als perfektes Wesen in den Himmel zu fliegen.

Schon in der Antike war der aus der Puppenhülle geschlüpfte Schmetterling ein Symbol für die Unsterblichkeit der Seele. Manchen mag es irritieren, dass es ganz normale Menschen sind, die da auf den Litfaß-Säulen stehen. Es sind keine Heiligen-, Märtyrer- oder Mariensäulen, wie es sie auf historischen Plätzen vieler Städte gibt. Es sind auch keine berühmten Menschen wie der römische Kaiser Trajan oder Admiral Nelson, der in London von einer hohen Säule herab an seinen See-Sieg über die Franzosen erinnert. Auch keine Allegorien und Personifikationen, keine Siegesgöttin, wie im Berliner Tiergarten, keine Glücksgöttin Fortuna. Meine Litfaß-Säulenheiligen spiegeln gleichsam die Passanten wieder, die an den Säulen vorübergehen. Die Auswahl der Motive ist intuitiv. Ein Bild in der Zeitung, an dem mein Blick hängenblieb, wird ausgeschnitten. Ein Urlaubsfoto kommt mir in die Finger, auf dem die fotografierte Person starke skulpturale Qualität besitzt. Dieser bildhauerische Blick kann aber auch ganz zurücktreten zugunsten einer Momentaufnahme eines vorübereilenden Menschen. Bei allen Figuren spielt ihre Thematik innerhalb des gesamten Skulpturen-Ensembles eine entscheidende Rolle. Es entsteht so ein subjektiv gesehenes Plakat-Säulen-Pantheon aus Typen unserer Gesellschaft. Die ausgewählten Säulenheiligen-Motive vertreten moderne Archetypen, Ikonen der Gegenwart: Der Geschäftsmann, der Urlauber, der Bildermacher (Fotograf). Zeitlose Themen wie Kindheit, Muttersein, Alter, Fremdheit, Glück und Armut werden zu Skulpturen-Motiven. Figurale Statthalter für solch allgemeine Begriffe zu finden, ist eine Gratwanderung. Der Geschäfts- oder Büromann ist eine globale Ikone unserer Zeit. Büroarbeiter auf der ganzen Welt neutralisieren sich Tag für Tag in ihren ewiggleichen Anzügen, als gelte es, eine geklonte Armee aufzustellen.

Der Urlauber mit Badehandtuch und Shorts ist quasi sein Gegenstück. Auch er, eine Ikone der Neuzeit: halbnackt, außerhalb seines Hotels einem bestimmten gesellschaftlichen Rang nicht mehr zuzuordnen, kolonisiert er in seiner Ferienzeit die entferntesten Strände. Mit Schwimmflossen in der Hand scheint diese touristische Amphibie davon zu träumen, die Evolution wieder zurückdrehen zu können. Der Fotograf im Moment des Fotografierens: in angespannter, leicht verrenkter Haltung schneidet er sich ein Bild aus der Welt, sein eigenes, subjektives Stück Wirklichkeit. Er personifiziert den Glauben an das Bild, der wie dessen globale Allgegenwärtigkeit in der Logik des Konsums liegt, wie Susan Sontag feststellt. Für sie ist die Fotokamera zugleich „Mittel zur Aneignung der Realität und Mittel zu ihrer Abnutzung“. Obwohl als Individuum hervorgehoben, weisen die zu Skulpturen gewordenen Menschen aber immer auf die Gemeinschaft zurück, aus der sie kommen, deren Mitglieder sie sind und aus der sie künstlich isoliert wurden. Eine Gemeinschaft, in der gleichwohl nicht jeder aufgehoben ist, in der nicht jeder seinen Platz findet. Wenn Menschen als Einzelwesen porträtiert werden, hebt man sie damit aus der Gruppe heraus. Wie es bei uns etwa an Geburtstagen oder Jubiläen üblich ist. In der Familie oder der Gruppe stellen wir an solchen Tagen den Betreffenden bewusst in den Mittelpunkt und rücken ihn damit auch in den Vordergrund. Die anderen nehmen sich zurück. Sie nehmen Rücksicht auf ihn, erweisen ihm ihren „Respekt“. Das sind wichtige Rituale, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

So wird auch beim Projekt „Säulenheilige“ der Mensch für die Säule nicht ausgelesen zu dem Zweck, dass der „Beste“ übrigbleibt. Hier wird kein „Superstar“ gesucht, sondern der Betrachter aufgefordert, sich selbst und die Mitmenschen gleichermaßen als Einzelperson und als soziales Wesen zu empfinden. Es bedarf keiner Prominenz für den Platz unter der Sonne. Medien-Prominenz ist ein Dogma unserer Zeit. In seiner ursprünglichen Übersetzung bedeutet das Wort: Hervorragen, Hervorstehen. Der Platz auf dem Medium Litfaß-Säule bietet damit Prominenz im wahrsten inne des Wortes. Wenn Kinder einen Baum besteigen, tauchen sie ein in eine andere Welt. Sie müssen sich anders bewegen und verhalten. Sie genießen den Perspektiven-Wechsel. Sie sind verborgen und können doch die Menschen unten sehen. Im Kleinen hat auch das etwas Gottgleiches. Dieses Gefühl beschreibt der Dichter Italo Calvino in seinem Roman „Der Baron in den Bäumen“: Im Kindesalter besteigt ein junger Baron nach einem Streit mit seinem Vater seinen Lieblingsbaum und kommt Zeit seines Lebens nicht mehr herunter. Er lebt auf den Bäumen, ohne die Erde jemals wieder zu überühren. Der Mensch kann in allen Dingen ein Universum entdecken. Das Kind im Baum, Robinson auf der Insel, Diogenes in seiner Tonne und Symeon auf seiner Säule. Alle sind sie auf ihre Weise isoliert, sind schutzlos als Einzelwesen, gehen Risiken ein. Sie machen sich lächerlich und müssen damit rechnen, dass ihre real gewordene Fantasie, ihr gelebter Traum, im Alltag zerrieben wird. Aus der Säule kann also auch ein Pranger werden. Allen gemeinsam ist ihnen eine Sensibilität für „ihren“ Ort. Sie spüren das Besondere – die Aura – des Ortes. So war der Stylit Symeon auf seiner Säule ein Radar für die spirituellen Schwingungen, die er auffängt in seiner Zwiesprache mit Gott. „Die transzendente Kategorie der Höhe, des Überirdischen, des Unendlichen offenbart sich dem ganzen Menschen, seinem Verstande ebenso wie seiner Seele“, schreibt Mircea Eliade.

Und weiter: „Es ist, als hätten die Götter das Weltall errschaffen, dass es ihre Existenz reflektieren muss, denn keine Welt ist möglich ohne das Senkrechte, und diese Dimension genügt, um ganz allein die Transzendenz heraufzubeschwören.“ Umschlossen vom All, dem Wetter preisgegeben, allein und völlig ungeschützt war der Säulenheilige Symeon ganz in Gottes Hand und somit auf sich selbst zurückgeworfen. Muss da nicht die Natur des Himmels als feindlich, der allmächtige Gott als ein „ferner Gott“ empfunden werden? Man kann sich heute die Intensität einer solchen Lebensführung nur schwer vorstellen.

Der Antrieb, sich extremen Situationen auszuliefern, muss schon besondere Gründe haben. Über den kurzfristigen Kitzel der Sensation hinaus längere Zeit ein Leben unter widrigsten Umständen zu überstehen, heisst Verzicht und wird damit für die übrige Gesellschaft zum Signal. Sich im Zeitalter des Genusses und der totalen Kommunikation in die Einsamkeit abzusondern, stellt eine Gegenreaktion dar, bedeutet Widerspruch: Die Umweltschützerin Julia „Butterfly“ Hill, die fast zwei Jahre lang ununterbrochen in luftige Höhe auf einem riesigen Baum ausharrt, den sie vor Abholzung schützen will, eisigen Stürmen und brutalen Angriffen der Menschen ausgesetzt, erreicht am Ende ihr Ziel. Und darüber hinaus noch viel mehr: das Bewusstsein der Menschen. Auch Symeons Weltflucht, sein hartnäckiger Annäherungsversuch an Gott, die Überlebenskunst dieses Mannes, der jahrelang auf engstem Raum in luftiger Höhe lebte, nötigen uns heute Bewunderung, Verwunderung aber auch Unverständnis ab.

Ein menschlicher Solitär, der, wie Luis Bunuel es ausdrückt, „sich an den Rand der Geschichte wie des täglichen Lebens begibt. Und alles wegen einer fixen Idee.“ Bunuel, der Filmkünstler, hat die enge Verwandtschaft dieses Lebensentwurfs mit seinem eigenem Künstlertum gespürt. „Simon in der Wüste“ heißt seine filmische Hommage an den Säulenheiligen, der ihn mit seiner wahrhaft surrealen Lebensgestaltung faszinierte und inspirierte. Der Säulenheilige ist Symbol für den Künstler. Den Künstler, der inspiriert, getrieben oder besessen von einer Idee versucht, diese konsequent umzusetzen, der versucht, seine Idee zu leben. Den Künstler prägt immer das Dilemma, in der Welt existieren zu können und zugleich seinen Ideen treu zu bleiben. Auch in der Religion, in der Kirche gibt es diese Diskrepanz zwischen einem intensiv empfundenen Glaubenserlebnis und der Realität der Eingebundenheit in eine hierarchische Organisation und eine komplizierte moderne Gesellschaft. So konnte Teilhard de Chardin schon 1921 sagen: „Ich träume von einem neuen heiligen Franziskus oder heiligen Ignatius, die uns eine neue Art christlichen Lebens lehren, das zugleich stärker in der Welt engagiert ist und sich doch zugleich mehr von ihr losmacht.“ Und so ist auch der Künstler in Leben und Arbeit oft fest in der Realität der Gesellschaft verankert. Er muss – wie Symeon von der Säule – die Realität unserer Gesellschaft aber immer auch wieder von anderer Warte aus betrachten, um Kunst aus diesem Leben herauszufiltern.